HLeseprobe 2
HGewissensbisse (2)

 

HIm Dorf

Die ersten der unendlichen Felder liegen vor mir, Hügel reiht sich an Hügel, und weit hinten, am Horizont, ragt die Kordillere auf. Ein Eisenschild steckt in einem der vielen Steinhaufen, ‹ Santiago 480 km ›. Mir ist, als hätte mein Weg jetzt erst begonnen.
Es gibt wenige Menschen in den wenigen Städtchen und Dörfern aus Kalkstein und Lehmziegeln, die sich in Erosionsrinnen von Flüssen ducken. Die jungen Leute sind in die Städte gezogen, weil die Großgrundbesitzer kaum Arbeitskräfte brauchen. Und es sind auch nicht viele Pilger unterwegs. Vielleicht weil dieser Teil des Camino als eintönig verrufen ist, und manche lieber den schnellen Bus von Burgos nach León nehmen? Mir gefällt es hier, und ich finde bald die schönste Bar des Weges in Hornillos del Camino, trinke meinen Café und esse in Ermangelung einer Alternative die schrecklich süßen Magdalenas dazu.
Schauderhaft. Aber Widerstand ist zwecklos, ich muss essen, weil die Hitze an meinen Kräften zehrt und ich außer Achtsamkeit auch Kohlehydrate brauche. Seltsam, so allein hier drin zu sitzen und in die leeren Straßen zu schauen, auf denen alte Männer ihre Ziegen und Schafe an den Ruinen der ehemals berühmten Kloster- und Hospizgebäude vorbei auf die wenigen grünen Flecken außerhalb treiben. Unvorstellbar, dass im 12. Jahrhundert die Menge der christlichen Pilger, die nach Santiago gehen und wieder von dort zurückkehren, so groß war, dass sie kaum den Weg nach Westen offen ließen. Draußen brennt die Sonne. Gut, dass ich nur mein kleines Hemdchen anhabe, jeder Zentimeter Kleidung ist zu viel. Meine Haut sieht eh schon wie Leder aus, links mehr als rechts, weil wir stets gen Westen gehen.